Lange bevor die Künstliche Intelligenz (KI) in aller Munde war, gab es die Suchmaschinenoptimierung (search engine optimization: SEO). Gemeint ist, Texte, Beiträge, Videos, Fotos und Artikel digital so aufzubereiten, wie es die Suchmaschine Google vorgibt. Das wird deshalb gemacht, weil alle Websiten-Betreiber unter den ersten Suchergebnissen oder zumindest auf der ersten Suchergebnissen-Seite auftauchen wollen.
Verschiedene Untersuchungen haben nämlich ergeben, dass fast 30 Prozent aller Nutzer auf das erste Ergebnis klicken und weniger als 1 Prozent der User, sich die Mühe machen, auf Seite Zwei der Suchergebnisse zu klicken. Um also weit vorne zu stehen, werden zahllose Maßnahmen ergriffen und Methoden angewendet (Onpage- und Offpage-Optimierung, Linkpyramiden, Backlinks, PageRank, Social-Media-Spamming, Gestaltung der Landing Page etc.). Die Hauptmethode ist und bleibt aber den sog. »Content« (also den Inhalt der jeweiligen Seite) so anzupassen, um Google-Algorithmen bestmöglich zu entsprechen.
Optimierte Konformität
Zahlreiche Agenturen und Dienstleister haben sich mittlerweile darauf spezialisiert, Webseiten google-konform zu optimieren. Die Internetindustrie ist darauf angewiesen, bei spezifischen Suchbegriffen via Google auch gefunden zu werden, um anschließend entsprechende Produkte und Dienstleistungen anbieten zu können. Neben dem technischen SEO-Aspekt, werden die Online-Inhalte eben nicht nur durch Mainstream, dpa-copy-and-paste, innere Selbstzensur, Opportunismus und Redaktionsvorgaben bestimmt, sondern wesentlich auch dadurch, was die Leser quantitativ bei Google suchen (und finden).
Die Top-Suchbegriffe und Themen müssen bedient werden, wenn man seine Reichweite, seinen Marktanteil und die Klickzahlen erhöhen will. So ist es auch nicht verwunderlich, wenn man auf Koch-Webseiten, auf einmal einen Artikel über die US-Serie »Walking Dead« oder auf Online-Präsenzen von Frauenzeitschriften einen Beitrag über Star Wars findet. Das erklärt auch, warum ständig dubiose Vergleiche gezogen werden, weil man unbedingt SEO-konforme Verknüpfungen schaffen will.
Gleichschaltungsproduktion
Nun könnte man SEO als demokratisch bezeichnen, ebenso wie den TV-Trash auf den privaten Fernsehanstalten. Schließlich wollen das die Nutzer doch auch so, oder nicht? Es seien eben ihre Themen und Interessen, die da bedient werden würden. Wo liege also das Problem? Zunächst einmal leidet die Qualität vieler Texte und Inhalte im Netz unter dem engen SEO-Korsett (Wortanzahl, Keywords etc.). Wer nur das liefert, was die Leute vermeintlich wollen, schafft damit systematisch Echokammern und Filterblasen, verengt die User-Sichtweise, blendet Alternativen aus und bewegt sich thematisch immer nur in der gleichen Mitte-Mainstream-Suppe der Boulevard-Banalitäten.
Hinzu kommen Clickbait-Überschriften, die Antworten und Inhalte versprechen, die sie dann nicht liefern (Hauptsache der Klick wurde abgegriffen). Endlos lange Foto- und Bilderstrecken, um die Klickrate oder die Verweildauer auf der Webseite künstlich zu erhöhen, sowie eigentlich kurze Artikel, die dann aber auf mehreren Seiten künstlich verlängert und episch ausgebreitet werden, um auch hier größere Zugriffszahlen zu erzeugen. Auch Erklärbär-Überschriften mit der typischen Idiotenansprache sind ein beliebtes SEO-Mittel und weit verbreitet.
Digitaler Wort-Müllhaufen
Es wird nicht mehr geschrieben, was Redakteure für relevant halten oder was den Leser interessieren könnte, sondern das, was der Google-Algorithmus verlangt und belohnt. Es gibt mittlerweile unendlich viele Artikel und Beiträge im Internet, die absolut keine handfesten Infos, News, Fakten oder Daten mehr beinhalten, sondern nur Keyword-und-Textbaustein-Dropping im Spekulations-Mantel betreiben. Natürlich im vemeintlich attraktiven Schablonen-Rahmen für Google. Und damit es nicht sofort auffällt, dass man absolut keine neuen Informationen oder News hat, bedient man sich gerne solcher Formulierungen:
»Wissen wir nicht...«
»Könnte womöglich, dürfte aber...«
»Ist nicht auszuschließen...«
»So sollte es...«
»Ist uns leider nicht bekannt...«
»Details wurden noch nicht verraten...«
»Bleibt abzuwarten...«
»Natürlich stellt sich die Frage...« (die wir euch leider nicht beantworten können, aber danke für den Klick!)
Nicht-SEO-Redakteure spielen heute in den Online-Medien kaum noch eine Rolle. Sobald sie ein noch so interessantes oder spannendes Thema haben, das aber SEO-technisch schlecht bis sehr schlecht verwurstet werden kann, fällt es unter den Tisch. Es findet einfach nicht statt. Der SEO-Marketing-Soldat schmeißt dann mit seinen Google-Klick-und-Aufruf-Zahlen um sich, und der klassische Redakteur wird damit mundtot gemacht.
Auch kreative oder kryptische Überschriften ‑jenseits von SEO-Clickbait-Headlines- die das Thema des Beitrages eben nicht sofort erkennen lassen, findet man immer weniger. Ebenso in der URl, den Zwischenüberschriften, der Bild-Auswahl, der geschriebenen Sprache und so weiter: bitte nicht zu individuell oder zu kreativ werden! Wir wollen schließlich gleichgeschaltete Google-Konformität!
Die mediale Gleichschaltung findet eben nicht nur durch angepasste, transatlantische Journalisten statt, die mit strenger Selbstzensur pflichtbewusst dem redaktionellen Tendenzschutz ihren Tribut zollen, sondern auch durch strukturelle SEO-Vermarktungs-Techniken, die eine differenzierte, kreative, selbstbestimmte und weltoffene Wahrnehmung effektiv blockieren, weil digitale, quantitative Kriterien häufig dafür sorgen, dass sich die User stets nur in ihrer gewohnten SEO-Bubble bewegen.




Dieser Weltkrieg wird um die Vereinnahmung des menschlichen Geistes geführt, denn die Kontrolle des menschlichen Gehirns durch subtile Manipulation ist von weit größerer Bedeutung als die Herrschaft über ein geografisches Territorium.